Fünf Jahre Netzwerktreffen
Am 21. September fand zum fünften Mal das jährliche Netzwerktreffen der „Digi-Sandbox.NRW“ statt. Wie bereits im vergangenen Jahr trafen wir uns über den Dächern von Düsseldorf – im Ministerium für Wirtschaft, Industrie, Klimaschutz und Energie des Landes NRW.
Inhaltlich wählten wir diesmal einen neuen Ansatz: Während die vergangenen Veranstaltungen jeweils unter einem Oberthema standen, entschieden wir uns für ein Potpourri verschiedener Themen, um die Breite der Reallabor-Landschaft abzubilden.
Gesetzliche Rahmenbedingungen im Fokus
Nach der Begrüßung durch unsere Netzwerkmanager Jennifer Gerwing und Patrick Kügler bildete eine Panel-Diskussion den Auftakt. Im Mittelpunkt standen die neuen gesetzlichen Rahmenbedingungen und entsprechende Ausblicke.
Mit dem Bundesexperimentiergesetz, das nicht nur neue gesetzliche Rahmenbedingungen für Reallabore und eine „innovationsfreundliche“ Entscheidungsfindung durch Behörden reguliert, werden auch erstmalig Abweichungsrechte von Kommunen von formellen Bundesvorschriften sowie neue Experimentierklauseln in Fachgesetzen geregelt.
Dr. Harald Hemmer, Abteilungsleiter in der Staatskanzlei NRW stellte nicht nur das Kommunale Regelbefreiungsgesetz NRW vor, mit dem Kommunen von Landesrecht abweichen können, sondern verwies auch auf das geplante Gesetz für KI-Reallabore und bezeichnete es als ein „echtes Ermöglichungsgesetz“.
Wolfgang Jung, Geschäftsführer des Wissenschaftsparks Gelsenkirchen, konnte bereits von konkreten Anwendungsidee für die neu-geschaffenen Abweichungsrechte berichten: bei datenschutzfreundlicher Überwachung öffentlicher Plätze, digitaler Kitaverwaltung, der Wiederverwertung zurückgebauter Bausubstanzen und KI in der Verwaltung bieten die neuen Regelungen mehr Spielraum. Wichtig für die Nutzung der Möglichkeit in der Praxis ist aus seiner Sicht, dass der Antrag auf Befreiung von einer Regel bei innovativen Erprobungen nicht komplizierter sein dürfe als die Regel selbst.
Ebenfalls vertreten war Sarah Schiemann von der Geschäftsstelle Reallabore des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie. Sie bedankte sich für die Einblicke in die Praxis und sah die Aufgabe der Ministerien vor allem darin, Informationen bereitzustellen und zu verbreiten. Sie verwies auf Workshops und Informationsveranstaltungen des bundesweiten Reallabore-Innovationsportals. Das Problem des fehlenden Wissenstransfers könne jedoch nicht allein von oben gelöst werden. Angebote wie das Reallabore-Innovationsportal oder die Digi-Sandbox könnten nur so gut sein, wie sie genutzt werden.
Christoph van Gemmeren, Referatsleiter im Ministerium für Heimat, Kommunales, Bau und Digitalisierung des Landes NRW, sah in den REGIONALEN eine gute Möglichkeit, Wissen zu teilen. Der Wettbewerb bietet Regionen die Chance, innovative Ideen in Bereichen wie Klimaanpassung, Energiewende, Verwaltungsinnovation, Mobilität und Kreislaufwirtschaft zu entwickeln und umzusetzen.Mit der eREGIONALE 2033 (das „e“ steht für Experimentierräume“) erhalten die sich bewerbenden Regionen erstmals die Möglichkeit auch Erprobungen bzw. die Nutzung gesetzliche Freiräume in Ihre Bewerbungen einzubeziehen.
Mut zum Experimentieren
Die Panel-Runde war sich einig: Innovative Projekte dürfen auch scheitern. „Es geht darum, nicht nur Risiken zu minimieren, sondern Innovationen zu fördern“, so Schiemann. Dafür brauche es eine allgemeine Experimentier-Kultur, die dazu motiviere, Dinge auszuprobieren und diesen Mut honoriere.
Dr. Hemmer resümierte: „Es entwickelt sich ein allgemeiner Geist, Veränderung zu wagen. Jetzt ist der richtige Zeitpunkt dafür.“
Einblicke in die Reallabor-Praxis
Im Anschluss ging es mit Reallabor-Pitches weiter. Vertreterinnen und Vertreter der anwesenden Reallabore stellten ihre Projekte vor:
- RAINAC (Uniklinik Köln)
Nationales KI-Reallabor und regulatorische Fragen
Nach einer Kaffeepause präsentierte Yvonne Finger, Referatsleiterin bei der Bundesnetzagentur, aktuelle Informationen zur Einrichtung eines nationalen KI-Reallabors gemäß der KI-Verordnung der EU. Die Bundesnetzagentur übernimmt dabei die Governance und damit die regulatorische Begleitung.
Prof. Dr. Rolf Schwartmann von der Technischen Hochschule Köln schloss sich an und betonte die Bedeutung behördlicher Begleitung für ein Hochrisiko-KI-Reallabor. Fehler könnten niemals vollständig ausgeschlossen werden. Entscheidend sei, alles dafür zu tun, KI „auf die richtige Spur“ zu bringen und gemeinsam verantwortungsvoll hinter den Anwendungen stehen zu können.
Erfahrungen aus Wasserstoff-Reallaboren
Dr. Florian Ausfelder, Fachbereichsleiter Energie und Klima der DECHEMA Gesellschaft für Chemische Technik und Biotechnologie e.V., stellte Wasserstoff-Reallabore in Deutschland vor, die er in den vergangenen Jahren eng begleitet hat.
Er stellte fest: „Für die öffentliche Hand und für Unternehmen ist es eine Herausforderung, mit viel Geld in ein Projekt reinzugehen, wenn der regulatorische Rahmen noch nicht gesetzt oder unklar ist, ob am Ende ein Produkt an den Markt gehen kann.“
Einige der Wasserstoff-Projekte seien inzwischen abgewickelt worden, ohne ein Endprodukt hervorgebracht zu haben. Es müsse reflektiert werden, was von Reallaboren erwartet werde.
Gute Fehlerkultur als Teil des Lernprozesses
Passend dazu beschäftigte sich der letzte Programmpunkt des Tages mit dem Thema Fehlerkultur. Prof. Dr. Nicole Richter von der Hochschule Düsseldorf stellte klar, dass eine nicht bestätigte Hypothese – auch im Falle abgewickelter Reallabore – kein Fehler sei, sondern ein Forschungsergebnis.
Bei tatsächlich vermeidbaren Fehlern sei es wichtig, diese früh zu kommunizieren. Dafür brauche es psychologische Sicherheit zwischen allen Beteiligten und die Möglichkeit, Fehler anzusprechen, ohne eine Abwertung befürchten zu müssen. Offenheit müsse vorgelebt und die Erkenntnisse aus Fehlern für andere zugänglich gemacht werden.
Gemeinsamer Ausklang
In zahlreichen Gesprächen fanden sich die Themen des Tages beim gemeinsamen Ausklang mit Fingerfood wieder. Dabei wurde noch einmal deutlich: Fortschritt liegt in unserer gemeinsamen Verantwortung und wird durch eine offene Lern- und Experimentier-Kultur möglich.
Wir freuen uns auf ein Wiedersehen im nächsten Jahr!